Mai 21 2012

Wunsch erfüllt

Dumm gelaufen. Mein Minimalwunsch, dass wir wenigstens einen Treffer erzielen, damit man wenigstens 1x sieht wie München platzt, ist in Erfüllung gegangen. Nächste Mal werde ich mein Minimalziel etwas mehrwertiger ansetzen.

Dieser 19.Mai 2012 hatte einige Geschichten zu bieten. Gegen Mittag in München angekommen, knallt einem die Sonne entgegen. Nach der Sonne stechen die unfassbar vielen Bayern-Trikots ins Auge. Ich hatte keine Zeit um mich in der Innenstadt aufzuhalten, so konnte ich nicht überprüfen, ob auch die Geschäfte so rot waren, wie man es sich gewünscht hat. Die Menschen rund um den Hauptbahnhof waren es. Beim Aufbruch zum Olympiapark gegen 15h hat die Anzahl der offenkundigen Bayernfans weiter zugenommen. Ich habe so eine Stimmung bisher noch nicht erlebt und ich bereue die Reise aus diesen Gründen keineswegs. Bei diesem Ereignis muss man sich in der Stadt aufhalten, auch ohne Karte für die Arena.

Kein Gedanke an eine Niederlage wurde verschwendet. Heute passiert nur positives. Der Fußballgott kann nicht so ungerecht sein und etwas anderes zulassen. Kann nicht sein. Heute ist die Matrix rot-weiß.

Ich muss zugeben, dass ich vom Olympiapark wieder tiefst beeindruckt war. Das Wetter und die wunderbare Anlage schaffen eine Atmosphäre wie sie kein Stadion in Deutschland bieten kann. Einfach auf die Wiese legen und den Leuten beim Vorfeiern zusehen. Fantastisch. Auf der Wiese vor dem Olympischen Dorf waren auch einige Mädels im Bikini zu beobachten. Dies hatte natürlich die Folge, dass sich dort auch einige Männer sammelten und dem Stadion den Rücken zudrehten. Das dürfte wohl auch einmalig in Deutschland sein. Es ist wirklich beinahe eine Schande, dass dieses Stadion nicht mehr im Betrieb ist. Allerdings wissen wir auch alle, was es für ein Loch sein kann, wenn Wind und Regen durch München peitscht.

Negativ muss man leider die Organisation des Public Viewing bewerten. 4 Eingänge für ca. 60.000 Menschen finde ich schon etwas arg wenig. Wir waren zum Glück recht früh vor Ort und konnten dann von 18.30 bis 21 Uhr von der Haupttribüne zuschauen, wie die Menschen ins Stadion strömten. Ein immer gleichbleibender dicker Fluss von Menschen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich einige bei der Sonne gefühlt haben müssen, bis sie endlich am Ziel waren. Dazu kommen eindeutig zu wenig Bierstände und für den Innenraum gab es nur 2 Toilettenwagen, wenn ich es richtig gesehen habe. Wahnsinn.

Die Stimmung war trotzdem hervorragend und das Spiel der Bayern ließ auch keine negative Stimmung zu. Die Zahlen zum Spiel sind bekannt und die gefühlte Ungerechtigkeit bleibt haften wie das Trikot von Robben an seinem Leib. Beim 1:0 war ich mir siegessicher wie noch nie. Es sind nur noch wenige Minuten. Noch ein Finale verlieren wir nicht in den letzten Minuten. Beim 1:1 war ich mir dann sicher, dass es nicht gut ausgehen wird. OK, wenn dieses Tor jetzt noch fällt, dann soll es heute nicht sein. Außerdem war das Müller-Tor schon reingeeiert. Nie im Leben machen wir noch ein Tor aus dem Spiel heraus. Beim Elfmeter von Robben blieb die Sicherheit der Niederlage konstant. Ich habe weder beim Pfiff gejubelt, noch bin ich von meinem Sitz aufgestanden als Robben anlief. Der Elfmeter gegen Dortmund brennt nach, ging mir durch den Kopf. Ich habe sogar im kompletten Wahn die Leute beruhigt, die schon beim Pfiff gejubelt haben. “Wir haben noch nicht getroffen, wir haben noch nicht getroffen”, wiederholte ich mich und machte dabei beruhigende Gesten mit den Armen. Peng, gehalten. Alles setzt sich wieder hin, ich drücke mich noch tiefer in den Sitz. Überzeugt davon, dass wir dieses Elfmeterschießen nicht gewinnen, malte ich mir schon aus, wie undenkbar es ist, dass gleich Spieler in blauen Trikots den Pott in den Himmel heben. Der gehaltene Elfmeter von Neuer ließ mich wieder hoffen, beim Treffer von Neuer war ich mir dann wieder komplett siegessicher. So schnell können Emotionen die Gedanken wieder ändern. Heute ist also der absolute Neuer-Tag, dachte ich mir. Einige Reihen unter uns, hatte ein Fan ein übergroßes Plakat von Manuel Neuer dabei. Vor dem Spiel habe ich es noch gesehen und gedacht, dass es vielleicht ein Zeichen ist. Man denkt ja viel dummes Zeug, wenn man das größte Ereignis der Vereinsgeschichte herbeisehnt. Olic läuft an. Gehalten. Schweinsteiger läuft an. Gehalten. Drogba läuft an und ich bete die Worte “mach dich lang, mach dich so groß wie gegen Madrid” in meine Faust. “Schluss!” Ich glaube, dass sagte Marcel Reif, als der Ball im Netz zappelte. Schon im nächsten Augenblick teilt sich die Menschenmasse im Innenraum nach links und rechts und geht den Ausgängen entgegen. Eine komplett unwirkliche Szene. Wie ein Schwarm Vögel, der plötzlich die Richtung wechselt. Das kann doch nicht sein. Wir wollten doch hier alle gleich eine Riesenparty feiern. Jetzt gehen alle schweigend einfach weg?! Diese Szene hat sich eingebrannt. Im Hintergrund ein paar dutzend Briten die auf der Gegengerade feiern. Ihr seid doch nur so wenige. Wir wollten feiern. Wir sind mehr und wollten es doch auch viel mehr. Was soll das?

Und dann ist es tatsächlich soweit: Spieler in blauen Trikots nehmen unseren Pokal entgegen und feiern in unserem Stadion, in unserer Stadt. Es ist Zeit zu gehen. Aber mein Minimalwunsch ging in Erfüllung. Das Gefühl in den wenigen Minuten der Führung war atemberaubend. Hätte es länger angehalten, wäre es ungesund gewesen.

Irgendwann gewinnen wir den Pokal wieder. Nicht in München, aber schön wird es trotzdem.