Was alles gestorben ist (oder sterben sollte)

Kein neues Thema, aber es brennt mir trotzdem unter den Nägeln. Mehmet Scholl hat mir gestern aus der Seele gesprochen, als er davon sprach, dass dieses Feiern von Platz 2 und 3 völliger Unfug ist. Was 2006 (damals war es als Gastgeber auch angemessen) angefangen hat, wurde leider auch 2012 fortgesetzt. Diese Fußball-Events in privaten oder öffentlichen Bereichen sind doch für jeden Fußball-Fan, der eine ganze Saison seine Mannschaft unterstützt, nur noch nervig.

Mittlerweile wünsche ich mir das Feeling der WM 2002 zurück. Morgens beim Frühstück, der harte Kern sitzt zusammen. Und nur der harte Kern sitzt zusammen. Alle Anwesenden wissen bei welchen Vereinen unsere Spieler spielen. Ein guter Test zur Einlasskontrolle ins Wohnzimmer. Und alle Anwesenden jubeln und schreien, weil die Tore sie von der unterträglichen Anspannung befreien und nicht, weil man dann ein neues Beck´s Ice aufmachen kann.

Ich ertrage keine Autokorsos nach der Vorrunde/Achtelfinale/Viertelfinale/Halbfinale mehr. Gefeiert wird, wenn man etwas gewonnen hat. Dass man etwas gewonnen hat, erkennt man daran, dass die eigene Mannschaft einen Pokal in den Händen hält. Platz 2,3 und 4 interessieren einen Toten.

In Zeiten, wo man sich aber zum Eurovision Song Contest zum Public Viewing trifft, wird man wahrscheinlich dieses Gehabe bei großen Fußball-Turnieren nicht eindämmen können. Das Schöne ist aber, dass jeder es sich selbst aussuchen kann. Ich empfehle auf Blumenketten oder ähnliche Anja&Tanja-Accessoires zu verzichten. (Ein Link zu einer Seite der Blauen, aber sogar die haben manchmal Recht.) Das man einfach auf ein Public Viewing verzichtet, ist natürlich selbstverständlich. Einen Test zur Einlasskontrolle ins Wohnzimmer habe ich bereits angesprochen. Beachtet man diese wenigen Dinge, kann man sich auf ein Fußballspiel ohne störende Dialoge über Familienprobleme oder blöde Witze über die eigene Mannschaft (weil man sonst nichts zum Thema beitragen kann) freuen.

Da bei der WM 2014 in Brasilien die Uhren etwas anders ticken, könnten auch Spiele ziemlich spät in der Nacht angepfiffen werden. Eventuell wird es dann eine Selbstreinigung geben. Ein Hoffnungsschimmer.

Gestorben ist übrigens der Spruch von Gary Lineker. Fußball-Fans kennen ihn. Unsere Ausbeute aus 20 Halbfinalteilnahmen bei großen Turnieren (habe ich irgendwo gelesen und gerade keine Lust es nachzuprüfen), ist bei allem Erfolg doch eher dürftig.

Ebenfalls gestorben ist für mich der Mythos, dass man schön und erfolgreich spielen muss oder soll. Ich kann auf tiki taka verzichten und bin für mehr taka tuka wie z.B. zu Hitzfeld-Zeiten und kassiere dafür paar Titel ein. Das gilt für Deutschland und für die Bayern. Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Meinung eher alleine dastehe.

Das gestrige Spiel in der Kurzfassung: Scheiße, Scheiße. Pause. 100% Hoffnung, 5% Hoffnung. Ende.

Möge die Bundesliga wieder beginnen…meistens wunderbar alleine vor dem eigenen TV-Gerät. Vorfreude.


17 Responses to “Was alles gestorben ist (oder sterben sollte)”

  • tobiwan Says:

    100% zustimmung – fand mich gestern versehntlich auch inmitten eines ebenso ahnungslosen, als auch vuwuzuelatrötenden rudels, wovon die hälfte (prosecco & becks-lemon fraktion) nicht mal hingeschaut hat & dauernd mit fragen nervte, wie es denn jetzt steht und wo denn der poldi sei…dann lieber kevin allein zu haus

  • Norman Stansfield Says:

    Tja, Brot und Spiele für die debile Unterschicht …

  • SebSwo Says:

    Unvergessen, der ahnungslose Fan gestern in Berlin:

    “Wir haben ja noch das Spiel um 3″
    <>
    “OK, schade…dann halt nicht.”

    Schön gebloggt! Public Viewing ist eh nix für mich, WM 2006 hat mir ein Spiel völlig ausgereicht, seitdem nur noch mit Kumpels, die Ahnung vom Spiel haben.

  • jens Says:

    merci. du bist nicht allein.

  • gossipia Says:

    Dieser Eintrag spricht mir total aus der Seele. Über dieses Eventfan-Dasein hab ich in den letzten Wochen auch gegrübelt. Eine Generationenfrage ist es scheinbar nicht, da in meinem privaten Umfeld Personen zwischen 20 und 50 Jahren von diesem “Eventfanvirus” befallen sind. Da wird schon mal Podolski mit Schweinsteiger verwechselt -wo die entsprechenden Spieler unter Vertrag stehen oder ab nächster Saison stehe werden entzieht sich jeglicher Kenntnis-. Und weil der Fußball ansich ja eh nur eine lästige Begleiterscheinung der Party- bzw. Feierkultur ist, interessiert sich manch eine(r) auch mehr für die Spielerfrauen als für den Sport selbst. Balotelli incl. seiner Stärken war für manchen Eventfan gestern auch eine große Überraschung…ein aufmerksamer FCB-Fan kannte ihn halt noch aus der CL-Gruppenphase der letzten Saison und das ist nur eines von unzähligen Beispielen. Freue mich im August wieder auf den normalen Ligabetrieb ohne gehypten Partyzwang :)

    Deine Meinung taka tuka statt tiki taka teile ich. Beispiel CL-Finale: CFC hat einen dreckigen Sieg eingefahren. Nach dem WIE fragt später keiner mehr, aber Chelsea hat die Trophäe und der FCB leere Hände. Von daher würde ich mir von den Resultaten her ein Revival der Hitzfeld-Ära wünschen. Wobei mir beim FCB und beim DFB die echten Leader fehlen und ich der Meinung bin, dass auch dies ein Faktor ist, dass letztlich nur das olympische Motto erfüllt wird. “Dabei sein ist alles”. Mögen die nächsten Jahre/Saisons besser werden :)

  • Joas Kotzsch Says:

    :-) das kann ich nur unterschreiben. Besonders schön, die Zusammenfassung des Spiels von gestern …

  • Victor Says:

    Danke, das ist der beste Kommentar zur EM, den ich bis jetzt gelesen habe. Für mich bitte ein bayerisches Bier und kein Becks Lemon.

    P.S. Wer kennt die Geschichte von der Biermöslblosn und Warsteiner?

    http://www.youtube.com/watch?v=oPPQ–b_kA8

  • italiansummer Says:

    peinlicher Kommentar! schwingt viel burschenhaftes, eindimensionales und radikales mit. “mir san mir” und die, die keine Ahnung haben, dürfen nicht mitschau`n und müssen draußen bleiben. peinlich! toleranz fehlanzeige! naja deutschland steuert wohl wieder in die neue rechte, abgrenzung fängt bei euch schon im wohnzimmer statt!

    ich geh übrigens auch auf keine “public viewing”, nicht einmal so gebildet ist das deutsche volk, als daß es wüßte, daß damit die Leichenaufbahrung und -schau gemeint ist! Ihr seid ja so gebildet, aber vielleicht reicht ja euer fußballrepertoire aus um der geisteslosigkeit siege feiern zu lassen. nur der deutsche sieg ist etwas wert, naja das hatten wir geschichtlich schon mal und die wirtschaftskrise ist ja auch schon da. na dann, viel erfolg.

    ausserdem autokorsofahren macht jeden tag spass! “leider geil” (Deichkind)! macht euch locker germanen und feiert am sonntag eure lieblingsurlaubsländer, pizzabäcker und sangriamixer!!!! freut euch mal mit und für den anderen, macht weniger zornesfalten und bringt die glückshormone in wallung!!!!

    Avanti italia e viva espana

  • Patrick Says:

    @italiensummer
    Du kannst dir sicher sein, dass hier so ziemlich jeder weiß, dass Public Viewing in anderen Ländern eine andere Bedeutung hat, aber der Begriff wird trotzdem verwendet, dass solltest du wohl auch schon gemerkt haben.

    Und es es war keine Rede davon, dass der Rest nicht auch gucken darf. Sie sollen sich nur nicht so benehmen, als wäre es für sie so wichtig, wie es für andere tatsächlich ist. Um es mal abzukürzen…

    Zu deiner Meinung zur rechten Abgrenzung schreibe ich lieber nichts…Was für ein Unsinn…

  • FF Says:

    Jo, alles richtig. Ich will meinen Fußball zurück haben – von diesen ganzen Eventkaspern, Party-Idioten, Fanmeilen-Deppen, Autokorso-Freaks, von den Werbefuzzis, den Anjas&tanjas und den schwarz-rot-goldenen Vuvuzelaclowns.

    Und ich ertrage den “Jogi” nicht mehr. (Allein wie der immer die Spucke hochzieht…)

    Der paßt überhaupt suuuper zu diesen ganzen Pseudo-Fans. Eine Art “Fußball-Guttenberg” – vergöttert von (gerne reiferen weiblichen) Ahnungslosen: diese Hemden! diese Frisur! dieser Körper! diese Coolness! Hach, was für ein “Schnittchen”… Würg.

    Nur: geliefert hat der schöne Nivea-Jogi a’la Guttenberg – nichts, null, nada, niente.

    Meine Prognose: da kommt auch nichts mehr. Mir graut’s jetzt schon vor der WM 2014…

  • etc. pp Says:

    Passt jetzt nicht so ganz zum Thema, hat mich aber sehr beeindruckt und zum Nachdenken angeregt und sollte daher verbreitet werden:

    Offener Brief von Arnd Zeigler:

    http://blogs.hr-online.de/sportschau-em2012/ein-offener-brief-von-arnd-zeigler-zeiglers-wunderbare-welt-des-fusballs/

  • Cătălin Says:

    ”Ich bin fest davon überzeugt, dass man auf hässliche Weise keinen Titel mehr gewinnen kann. Man muss heute agieren und Gegner durch gute Spielzüge auseinandernehmen” – Löw, vor dem Champions League Finale 2012. (http://bit.ly/Nbo5N5)

  • Mit dieser EM bin ich fertig. - Breitnigge.de - Ärmel hoch. Stutzen runter. Says:

    [...] Kaisergrantler zum Beispiel. Oder Herr Niggemeier. Oder Bildblog.de. Oder Herr Zeigler. Oder [...]

  • Frittenmeister Says:

    Danke! Endlich mal jemand, der genau so “scheiße” im Kopf ist wie ich und auch noch in der Öffentlichkeit Kritik übt…

  • Lars Mielke Says:

    Ich kann Sie beruhigen, mit dieser Meinung stehen Sie mitnichten allein da!

    http://www.lars-mielke.de/3086/em-2012-joachim-loew-der-gescheiterte/

  • Turniertagebuch Fußball-EM 2012 - Tag 19 (1. 7.) | Männer unter sich Says:

    [...] und Event-Fans ab. Und dann haben wir noch zwei lesenswerte EM-Fazits, eins vom Kaisergrantler und eins von FernglasFCB. Und was Trainer Baade zum Italienspiel und zu Löw schreibt, kann ich [...]

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